04/04/13 09:00

Krankenkassen belohnen „Sparkommissare“

Kategorie: News Aktuell
Schon vor vielen Jahren bekam ich unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Information, dass eine große Krankenkasse ihren Mitarbeiter/innen in Weiterbildungsseminaren ausdrücklich den Rat gegeben hatte, Anträge für Hilfsmittel im Wert von bis zu 400 D-Mark (heute 200 €) erst einmal, ruhig auch ungeprüft, abzulehnen.

 Dadurch könnten geschätzt 80 bis 90 % der Anträge abschließend erledigt werden. Ich fand -und finde - diese nach wie vor oft genug praktizierte Vorgehensweise rücksichtslos und menschenverachtend.

Quelle: Paraplegiker 3/12 (Text: Herbert Müller)

 

  

  

 

 Recht und Gesetz
 
Neuerdings gibt es dazu aber noch eine Steigerung, bei der sich die Frage stellt, ob damit nicht bewusst gegen Recht und Gesetz verstoßen wird. Denn in § 1 SGB V (Solidarität und Eigenverantwortung) wird die Aufgabe der Krankenkassen genau definiert: „Die Krankenversicherung als Solidargemeinschaft hat die Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu bessern." Krankenkassen sind für ihre Mitglieder da und nicht umgekehrt. 
 
Was immer schon vermutet wurde, hat jetzt ein heute als Strategieberater tätiger Ex-AOK-Vorstand in einer Konferenz der Medlnform zum Thema Kommunikation mit den Krankenkassen geschildert. Bei den meisten Krankenkassen werden mit Führungskräften und Mitarbeitern sogenannte Zielvereinbarungen getroffen. Diese Zielvereinbarungen sind mit variablen Vergütungen verknüpft und enthalten klar definierte Budgets, für die die Mitarbeiter verantwortlich sind. Das heißt, jede Einsparung im verantwortlichen Budget wirkt sich positiv auf ihr Einkommen aus. Das erklärt auch warum bei Hilfsmitteln erbittert selbst um Minimalbeträge - notfalls bis zu den Sozialgerichten - gestritten wird. Denn die dabei für Widerspruch und Gerichtsverfahren anfallenden erheblich höheren Verwaltungskosten werden ja nicht dem eigenen Budget angelastet, sondern sie kommen aus einem anderen Topf, der gleichwohl genauso von den Mitgliedsbeiträgen finanziert wird. 
 
Auch ob bei einer negativen Entscheidung mit dem gesunden Menschenverstand vorhersehbare erheblich höhere Folgekosten zu erwarten sind, interessiert in den allermeisten Fällen nicht, weil diese dann einem anderen Budget zugeordnet werden.

  

 

 Kleinpreisige Hilfsmittel
 
Besonders negative Auswirkungen haben solche Denkweisen in den Bereichen, bei denen es um die benötigten Mengen von relativ kleinpreisigen Produkten geht, die aber regelmäßig und dauerhaft gebraucht werden wie z.B. Katheter, Windeleinlagen usw. Wenn der Sachbearbeiter dem Patienten pro Tag nur vier Katheter statt der benötigten sechs zugesteht klingelt das eben positiv in seiner privaten (Gehalts-)Kasse und die Arzneimittelkosten für Antibiotika wegen der vielen Harnwegsinfekte werden ja dem Budget des Kollegen nebenan zugeschlagen. 
 
Ob das dann immer noch den Vorgaben von § 1 SGB V entspricht (siehe oben)...? 
 
Weitere Informationen auch gerne über den Rechtsbeistand im Sozialrecht der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland. V. (Wenn Sie sich hierzu gerne an uns, wir werden den Kontakt herstellen.)