Heilt die Zeit alle Wunden?

Wer wegen einer verletzungsbedingten Behinderung im Rollstuhl sitzt, hat mindestens ein richtig hässliches Erlebnis hinter sich. Anders ausgedrückt: ein Trauma erlebt. So etwas muss man verarbeiten. Wenn man das alleine nicht schafft, dann vielleicht gemeinsam mit einem Brainspotting- Therapeuten. 

Quelle: Bericht aus dem Paraplegiker 3/12

 

Trauma verarbeiten:

Die Szene könnte aus einem absurden Film oder Theaterstück stammen: Zwei Menschen sitzen einander gegenüber. Der erste Mensch hält einen Zeigestock in der Hand, der in irgendeine Ecke des Raumes deutet. Der zweite vertieft sich intensiv in die Betrachtung der Zeigestockspitze und fängt an zu weinen.

Den ersten bringt das nicht aus der Ruhe. Freundlich fragt er ab und zu, wo sich der zweite gerade befindet. Die Antwort könnte beispielsweise lauten: „Ich merke, dass das Motorrad unter mir wegrutscht, ich habe Angst, ich kann nichts tun". Die Beschreibung mag absurd wirken. In Wirklichkeit kann so eine Szene während einer typischen Sitzung beim so genannten Brainspotting ablaufen.

Traumatherapie

Haben Sie sich bisher unter Psychotherapie (oder genauer gesagt: Traumatherapie) eine Form von Gesprächstherapie vorgestellt?

Es geht auch anders. Brainspotting ist ein neuer körperzentrierter Ansatz, mit dem man Traumata sehr zielgerichtet verarbeiten kann. Der Begriff „Traumata" beschreibt hier Erlebnisse, die der Betroffene nicht so einfach gefühlsmäßig verarbeiten kann.

Erlebnisse, die zwar in der Vergangenheit liegen, den Betroffenen aber trotzdem immer noch belasten. Es können körperliche Verletzungen sein oder seelische Quälereien, denen der Mensch ohnmächtig oder hilflos ausgesetzt war.

Todesangst

Wenn man etwas erlebt, was Todesangst auslöst, möchte man fliehen wie eine Gazelle, die den Löwen hinter sich hört. Wenn das nicht möglich ist, bleibt der Gazelle nur das Totstellen:Man tut so, als wäre man erstarrt.

Dieses Reaktionsmuster ist von der Natur als letzte Chance vorgesehen, als die vielleicht einzige Überlebenschance. Gut, wenn der Löwe sich tatsächlich gelangweilt von der totgestellten Gazelle abwendet.

Wenn wir Menschen bei einem bedrohlichen Erlebnis zu diesem Totstellreflex greifen, dann kann es leider manchmal passieren, dass wir in diesem Zustand verharren. Die Erinnerung ist dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich und verblasst. Oder sie springt in Form von so genannten Flashbacks unkontrolliert an die Oberfläche.

Der Körper vergisst nicht...

Das Ereignis ist Vergangenheit, der Körper vergisst aber nicht. Der Schrecken hat Spuren hinterlassen, die man vielleicht nicht wahrnimmt, sondern als unklare körperliche Beschwerden bemerkt. Ein Bild beschreibt diese Situation sehr passend:

Wenn man sich das Leben wie einen Tanz in einem großen Ballsaal vorstellt, dann sind die erlebten Traumata wie erstarrte Säulen, die in diesem Raum verteilt stehen. Sie verhindern das Tanzen nicht aber sie machen es schwerer. Je mehr Säulen, desto eingeschränkter ist der Lebenstanz.

Ziel einer Traumatherapie ist es, die im Gehirn abgespeicherten Informationen und Gefühle rund um die traumatische Erinnerung wieder zugänglich zu machen. Wenn man mit dem, was man erlebt hat, noch einmal in Kontakt geht, es noch einmal sehr intensiv spürt, während man gleichzeitig im Hier und Jetzt verankert bleibt, dann passiert etwas Ungewöhnliches:

Das Gehirn verarbeitet die traumatische Erfahrung nun korrekt, es wird durch das Brainspotting in seiner natürlichen Selbstheilungstendenz unterstützt. Für das Bild des Tanzsaales würde das heißen: Jedes verarbeitete Trauma bedeutet eine störende Säule weniger beim Lebenstanz.

Was passiert beim Brainspotting?

Die Brainspotting-Therapeuten gehen davon aus, dass man über die Blickrichtung einen sehr gut kontrollierbaren Zugang zu verschiedenen Bereichen des Gehirns erhalten kann, gerade zu den Bereichen nämlich, wo typischerweise traumatische Erlebnisse abgespeichert werden.

Um solche Brainspots zu erreichen, kommt es auf die richtige Augenposition an. Hier spielt der Zeigestock eine wichtige Rolle: Mit ihm lotet der Therapeut den Punkt aus, an dem der Klient das körperliche Gefühl am intensivsten spürt. Es geht darum, den Punkt zu finden, an dem es sich wirklich so anfühlt, als würde der Vorfall gerade passieren.

Vielleicht ist es ein trockener Hals, wenn man an den Unfall denkt, vielleicht zieht sich der Magen zusammen, der Atem bleibt fast weg oder es fängt irgendwo an zu kribbeln. Die körperlich gefühlte Erfahrung ist dabei der Hinweis, dass das Gehirn noch immer glaubt, die Erfahrung würde gerade jetzt passieren. An dieses Gefühl soll sich der Klient erinnern. Dann wird er aufgefordert, in verschiedene Richtungen zu schauen und darauf zu achten, wie sich das Gefühl verändert, wann es stärker und wann schwächer wird.

Erinnerungspunkte

Nachdem sie den intensivsten Erinnerungspunkt („Aktivierungspunkt") gefunden haben, suchen Therapeut und Klient gemeinsam den Erholungspunkt („Ressourcenpunkt").

Für den Klienten ist es wichtig zu wissen, dass er den beängstigenden Erinnerungen nicht ausgeliefert ist, sondern diesen Punkt jederzeit aufsuchen kann, um sich zu entspannen. Dann fixiert er den Aktivierungspunkt und lässt sich auf die traumatische Erinnerung ein.

Das klingt einfach, kann aber sehr intensive Gefühle hervorrufen. Der Therapeut hilft, indem er für Sicherheit sorgt: Er weist notfalls darauf hin, dass der Klient den Unfall nur erinnert, dass er in Sicherheit ist und dass die Situation keine Bedrohung darstellt. Auch Bietet der Stab einen „Anker im Außen“, der es erleichtert, sich nicht in der Gefühlswelt zu verlieren.

Das ist doch alles längst vorbei?

Nachdenklich machen Berichte aus Pflegeheim: viele Menschen, die heute pflegebedürftig werden, haben nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt. In ihren Erinnerungen schlummern Kriegserlebnisse mit Flucht, Bombenalarm und vielleicht Übergriffen wie Vergewaltigung.

Gab es damals überhaupt jemanden, der beim verarbeiten helfen konnte? Und warum eigentlich? Man hat es überlebt und in den Jahren danach war genug mit dem neuen Alter zu tun. Doch mit dem Alter tauchen Flashbacks an die vergessenen Erlebnisse auf. Plötzlich und hässlich und äußerst unpraktisch.

Kann man es zulassen, von einem Fremden gewaschen zu werden oder ist das der Anlass für einen überwältigenden Sturm von Erinnerungen? Überraschend ist es nicht, dass man von manchen Ereignissen überfordert wird. Selten auch nicht. Studienergebnisse sprechen dafür, dass ungefähr einer von vier Menschen, die wegen Unfällen oder Gewaltereignissen im Rollstuhl sitzen, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Nur einer - ist das nicht eigentlich überraschend?